Coronavirus in Afghanistan

Die Krise der Coronavirus-Pandemie und ihre gravierenden Auswirkungen in Afghanistan

Afghanistan ist eines der Länder auf dem asiatischen Kontinent, das in den letzten 40 Jahren viele Herausforderungen in Form von verschiedenen Arten von Kriegen durchgemacht und Krisen in den Bereichen Sicherheit, Wirtschaft, Gesundheitswesen, Politik und Gesellschaft erlebt hat und bis heute erlebt. Dazu kommt jetzt das Coronavirus, das nicht nur Afghanistan, sondern die ganze Welt unter der Ausbreitung dieser Pandemie leiden lässt.

Das Virus ist hauptsächlich nach Afghanistan übertragen worden, als Tausende von afghanischen Flüchtlingen aus dem Iran zurückkehrten und die meisten von ihnen bereits an dem Coronavirus erkrankt waren. Leider leiden heute fast 28 Provinzen von 34 unter dem Coronavirus in Afghanistan, und bisher sind 11.173 Menschen an Corona erkrankt, 1.097 von ihnen wieder genesen. Es gab bisher 21 Tote mit Corona. Diese Toten hatten allerdings auch bereits Vorerkrankungen und viele Menschen haben auch das gravierende Problem, dass sie nicht allein an dem oder mit dem Coronavirus sterben, sondern an Hungersnot und mangelnder bis keiner medizinischer Behandlung.

Bei einer Einwohnerzahl von 34.940.837 der afghanischen Gesamtbevölkerung und der extrem schlechten Lebensverhältnissen der meisten Menschen in Afghanistan, wo Abstand halten und Mundschutz tragen oft ein Problem ist aus verschiedenen Gründen, wie mangelnder Informationen oder Leichtsinn, kann man sagen, dass die Zahl der Corona-Erkrankungen und die Todeszahlen relativ gering sind, besser als in den meisten anderen Ländern. Allerdings gibt es in einem Entwicklungsland wie Afghanistan nicht die Möglichkeit genau alle Erkrankten aufzulisten, weil die Regierung nicht richtig funktioniert und erst seit wenigen Tagen überhaupt eine Regierung gebildet wurde, obwohl nun die Wahlen bereits fast ein Jahr her sind.

Die Coronavirus-Pandemie hat sehr negative Auswirkungen auf das Leben der Menschen, insbesondere der Armen. Sie müssen täglich arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nun, da das ganze Land seit Wochen unter Quarantäne steht, so gut wie alle Berufe betroffen sind und eine Verlängerung des Lockdowns für weitere drei Monate im Gespräch ist, wird es in Afghanistan tausende Tote geben. Diese werden nicht mit oder an Corona sterben, sondern an Hungersnot! Die Todeszahlen an Hungersnot werden so groß sein, wie es das Land trotz jahrelanger Kriege noch nicht erlebt hat. Denn auch die Preise für alle Lebensmittel sind um das bis zu Vierfache oder noch höher gestiegen, verglichen mit der Zeit vor Corona. Das können sich die armen Menschen nicht leisten, zumal sie auch als Tagelöhner arbeiten. Unter dem Lockdown sind sie arbeitslos und können gar nichts verdienen, sodass sie sich und ihre Kinder nicht mal für einen Tag ernähren können, geschweige über Wochen.

Eine staatliche finanzielle Hilfe bekommen nur Angestellte des öffentlichen Dienstes, die aber auch recht klein ist. Das weitere Problem ist, dass die meisten Menschen ihre Lebensmittel auf der offenen Straße von den kleinen Leuten mit ihren Gemüseständen usw. eingekauft haben und die Preise noch überschaubar waren. Jetzt allerdings sind solche Möglichkeiten komplett von der Regierung untersagt, sodass nur noch Geschäfte und Supermärkte geöffnet haben, um das Land mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Preise dieser Läden sind nun auch in die Höhe geschossen. Dazu kommt, dass die meisten armen Menschen noch nie ein solches Geschäft betreten haben, weil sie schon vor Corona den Einkauf dort nicht bezahlen konnten. Wie könnten sie sich diese Preise jetzt leisten, wo sie praktisch keinen Cent mehr verdienen?

Mehl zum Beispiel kostet aktuell ca. 100 AFG/kg., während es früher ca. 25 AFG/kg waren. Der durchschnittliche Preis für 1/2 kg Gemüse stieg von ca. 40 AFG auf ca. 160 AFG. Ein Hühnerei kostete vor der Pandemie ungefähr 5 Afghani, heute sind es bereits ca. 15 Afghani. Diese Preise werden zwar noch vom Staat kontrolliert, die meisten Geschäfte können sich allerdings aufgrund von Lieferungsengpässen daran gar nicht halten. Daher steigen diese Preise auch nochmal um ein Vielfaches. Wenn man bedenkt, das 1€ im Moment 80 Afghani sind, wird klar, warum sich viele Menschen nichts mehr leisten können werden.

Es gibt neben der großen Corona-Krise auch weiterhin extrem verheerende Anschläge in Afghanistan. Vor kurzem wurde eine Entbindungsstation gesprengt, wo zahlreiche Neugeborene und Mütter und Frauen, die ihr erstes Kind dort zu Welt bringen wollten, auf brutalste Weise ermordet wurden, mitsamt der Ärzte und Krankenschwestern.

Es gibt leider noch weitere traurige Nachrichten. Viele Familien erschiessen sich und ihre Kinder – wie bereits im Krieg –, weil sie bereits nach wenigen Wochen keine einzige Möglichkeit mehr sehen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Sie wählen lieber den direkten Ausweg im Selbstmord, als qualvoll an Hungersnot zu sterben.

Darüber hinaus müssen viele Frauen und Kinder, die bereits ihren Mann bzw. Vater verloren haben und niemanden mehr haben, auf der Straße arbeiten oder betteln, um etwas Essen zu finden. Sie können sich nicht einmal eine einzige Mahlzeit leisten können. Beim Betteln kommt es oft vor, dass die Frauen und Kinder in polizeilichen Kontrollen bestraft und – wenn sie kein Geld dabei haben – verprügelt und nach Hause geschickt werden. Doch viele haben nicht einmal ein Dach über den Kopf.

Wenn wir auch nur kurz an diese Menschen denken und uns vorstellen, wie wir hier in dieser Krise leben und bereits jetzt unter finanziellen Problemen leiden, in einem europäischen Land wie Deutschland, dann liegt es auf der Hand, dass die Coronavirus-Pandemie für solche Familien in Afghanistan noch tödlicher sein könnte als der jahrzehntelange Krieg! Dann wird uns schnell bewusst, wie dringend sie unsere sofortige Hilfe brauchen!

Bleiben Sie gesund!

Liebe Grüße
Zohra Soori-Nurzad
SSL e.V.